Eine Säule gilt seit der Antike bis heute als Inbegriff der Architektur. Das hängt mit dem Wesen eines Bauwerks zusammen. Ein Gebäude besteht im Wesentlichen aus tragenden, ruhenden und öffnenden Elementen wie Wänden, Dächern, Gebälken sowie Fenstern und Türen. Im Altertum konnte vor allem bei öffentlichen Gebäuden wie etwa Tempelanlagen die stützende Funktion auch von Säulen übernommen werden. Die altgriechische Baukunst bildete mit den Jahrhunderten einen komplexen und in sich geschlossenen Kanon unterschiedlicher Säulenformen aus, die einen großen Einfluss auf die Architektur des Abendlandes in den nächsten Jahrhunderten haben sollte, angefangen mit der profanen Architektur des römischen Reichs bis hin zur sakralen Baukunst der christlich geprägten Architektur vor allem des Mittelalters.

Freistehende und dekorative Formen

Eine Säule ist meist ein freistehendes Bauelement, das typischerweise eine tragende bzw. stützende Funktion hat. Sie kann aus Stein oder Ziegel zusammengesetzt sein, aus Metall gegossen oder aus Holz geschnitzt sein. Sie hat in ihrem mittleren Teil, dem so genannten Schaft, entweder einen runden oder polygonen Querschnitt. Neben freistehenden unterscheidet man außerdem solche Säulen, die in eine Hintergrundfläche bzw. den Mauerverbund einer Wand oder eines Pfeilers eingearbeitet sind. Je nach dem Grad des Hervortretens aus der Hintergrundfläche spricht man von einer Halb- oder Dreiviertelsäule. Um einen Pilaster handelt es sich, wenn das in eine Mauer eingearbeitete Bauelement nicht rund, sondern eckig ist. Eine Halb- und Dreiviertelsäule sowie ein Pilaster haben neben einer tragenden auch eine dekorative Funktion.

Von ästhetischem Wert ist von Anfang an auch die Säule. Mit den Jahrhunderten und in dem Maße, wie dieses Bauelement auch in andere Künste Einzug hielt, fand eine Funktionsverschiebung zugunsten des Dekorativen statt. Säulen hatten in späteren Baukunst-Epochen wie etwa dem Barock nicht mehr zwangsläufig eine stützende Funktion, sondern auch eine schmückend-dekorative. Eine Kirche mit vielen Säulen sah umso prächtiger aus. Mit ihnen brachten die Architekten Struktur in ein Bauwerk hinein. Mit einer Säule konnte man den Blick des Besuchers lenken, sei es hin ins Zentrum der Kirche, zum Altar, oder in die Höhe, zur Kuppel. Eine vollends dekorative Funktion bekam die Säule in anderen Kunstformen. Vor allem in der Möbelkunst wurde sie zu einem beliebten ästhetischen Element. Dass sie hier nichts tragen musste, versteht sie von selbst. Dafür sorgte sie, dass ein Möbelstück umso schöner aussah. Heute sind mit Säulen verzierte Möbelstücke begehrte Antiquitäten.

Aufbau einer Säule

Eine Säule besteht typischerweise aus drei Elementen, die sich in ihren unterschiedlichen Ausprägungen sowohl bei freistehenden als auch durchaus bei Halbsäulen bzw. Pilastern finden. Da ist zum Beispiel die Basis. Diese ist in den klassischen Ordnungen oft zweigeteilt. Sie besteht zum einen aus der quadratischen Plinthe, durch welche die Last auf einer größeren Fläche verteilt wird. Über ihr befinden sich weitere horizontale Platten, mit denen eine Basis gegliedert wird. Im Querschnitt rund, sind diese Platten zum einen nach außen gewölbt sein, in dem Fall spricht man von einem Torus, zum anderen nach Innen eingekerbt (Trochilus).

Den Mittelteil einer Säule bezeichnet man als Schaft. Wesentlich seit der klassischen Antike ist der Umstand, dass dieser zur Mitte hin anschwillt und im oberen Bereich an Umfang wieder abnimmt. Im ersten Fall spricht man von einer Entasis, im zweiten von einer Verjüngung. Der Schaft kann entweder glatt ausfallen oder mit dekorativen Elementen versehen sein. Das wichtigste Schmuckelement etablierte sich ebenfalls schon in der altgriechischen Baukunst: die Kannelierung. Dabei handelt es sich um senkrechte, nach innen gewölbte Auskehlungen. Auch die Kannelierung gehört zu den klassischen architektonischen Formelementen, die später auch außerhalb der Baukunst zum Einsatz kamen. Liebhaber von Antiquitäten finden Kannelierungen schon mal an Möbelstücken oder im Kunsthandwerk.

Das Kapitel

Das dritte Formelement einer Säule ist das Kapitel. Dieses knüpft nicht direkt am Schaft an, sondern wird von diesem durch den Säulenhals, das Hypotrachelion, getrennt. Das Kapitel ist auch insofern der vielleicht wichtigste Bestandteil einer Säule, als diese durch den Kopf erst ihren Charakter bekommt. In der griechischen Antike haben sich vor allem drei Grundformen des Kapitels herausgebildet. Man spricht je nach Typ auch von einer Säulenordnung, womit neben der Trägerart auch das dazugehörige Gebälksystem gemeint ist. Die drei Ordnungen, zu denen sich im Verlauf der Architekturgeschichte einige weitere hinzugesellten, bauten zeitlich aufeinander auf, existierten aber auch nebeneinander, sobald sie sich jeweils herausgebildet haben.

Zwar hatten sich bereits in älteren Kulturen wie der ägyptischen, der babylonischen und der persischen erste Säulenformen herausgebildet. Von nachhaltigem Einfluss war jedoch das durchkanonisierte System der Altgriechen. Der älteste griechische Typ ist der dorische, deren frühesten Beispiele um 625 v. Chr. entstanden. Diese Ordnung ist gekennzeichnet durch einen kannelierten Schaft ohne Basis. Oben schließt die Säule mit einem wulstförmigen, abgeschrägten Kapitel ab, das auf einer einfachen quadratischen Platte aufliegt. Im Vergleich dazu hat der um 570 v. Chr. entstandene ionische Typ einen schlankeren Schaft, dessen Kanneluren von 20 bis 24 Stegen getrennt sind. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal findet sich jedoch am Kopf. Das Kapitel weist zwei große nach den Seiten auslandende Spiralen auf, die so genannten Voluten. Die ausdifferenzierteste griechische Ordnung ist zugleich die jüngste. Die korinthische Ordnung entstand erst um 400 v. Christus. Ihr Kapitel fällt mit seinen Akanthusblättern und den floralen Voluten weitaus dekorativer aus als die beiden anderen Typen. Der Schaft der korinthischen Orndung ist noch schlanker und länger als die zeitlich vorausgegangenen.

Von links nach rechts: Dorische Säule, Ionische Säule, Korinthische Säule

Funktionalität und Dekoration

Das griechische Säulensystem übte einen großen Einfluss auf die Architektur anderer Kulturen und späterer Kunstepochen aus. Nicht zu übersehen ist die Wirkung der Griechen auf die römischen Architekten, die vor allem die Trägersysteme der Vorbilder übernahmen und diese um neue Formen ergänzten. So bildeten die Römer aus der dorischen Ordnung eine toskanische heraus, welche die Elemente des Vorbildes gleichsam umkehrte. Eine toskanische Säule weist Kanneluren auf und anders als der nicht-kannelierte dorische Träger ruht sie auf einer Basis. Bezeichnend für die römische Architektur war auch die komposite Ordnung. Mit ihr schufen die Römer eine Art Kreuzung aus den ionischen und korinthischen Systemen. Typisch für diese Ordnung ist die Kombination aus Voluten und Akanthusblättern.

Nicht zuletzt ihr differenziertes Schmucksystem machte diese komposite Säulenordnung in der profanen und sakralen Architektur so populär. Aber auch in anderen künstlerischen Ausdrucksformen, darunter die Möbelkunst und das Kunsthandwerk, wurde sie zu einem begehrten Formelement. Mehr noch: Als dekoratives Beiwerk ist diese Ordnung wie das System Säule an sich ungebrochen populär. Unsere auf Nostalgie und Retro getrimmte Zeit ist dafür der beste Beweis. Wer sich darüber vergewissern will, der möge doch bitte die Reihen der ausgestellten Antiquitäten in einem Antiquitätengeschäft entlanglaufen.