Der David – dieses wohl berühmteste Werk Michelangelos erhielt auch weit über die Stadtgrenzen von Florenz hinaus Beachtung und Anerkennung. Nicht umsonst gilt das bis zu sechs Tonnen schwere Monument bis heute als bekannteste Skulptur der Kunstgeschichte.

Ein Betrug als einer der Grundlagen des Erfolges

Legt man sehr strenge Maßstäbe an, dann ist die Berühmtheit Michelangelo Buonarottis, einer der bedeutendsten Künstler der Hochrenaissance, mindestens indirekt einem Betrug zu verdanken, bei dem er zwar nicht Hauptakteur war, aber immerhin skrupellos mitspielte. Er hatte gerade einen kleinen Cupido fertiggestellt, den er eigentlich nur zu seinem eigenen Vergnügen angefertigt hatte. Da beschwatzte ihn der Adelige Lorenzo di Pierfrancesco, Angehöriger einer der Linien der Medici und Förderer Michelangelos, der Figur ein möglichst altes Aussehen zu geben und ihn in Rom als „antik“ verkaufen zu lassen. So kam es auch, nur dass der Käufer, Kardinal Raffaele Riario, misstrauisch wurde, den Betrug mit Hilfe von Michelangelo selbst aufdeckte und die Figur postwendend zurückschickte. Florenz und Rom, die Medici (Guelfen) und ihre Feinde in Mailand (Ghibellinen), sowie die italienische Hochrenaissance: das ist der Rahmen, in dem wir uns die Entstehung von Michelangelos „David“ vorstellen müssen.

Der David von Michelangelo – die bis heute bekannteste Skulptur der Kunstgeschichte

Der David ist eine der bis heute berühmtesten Skulpturen der Welt und allenfalls mit dem griechischen Diskuswerfer zu vergleichen, vermutlich Olympia um 450 v. Chr. Der Kardinal nahm dem jungen Künstler den Betrug erstaunlicherweise nicht übel, sondern holte ihn sogar zeitweise zu sich nach Rom, wo er gerade aufgrund dieser Geschichte (und natürlich seiner herausragenden Leistungen) schnell vollends berühmt und gewissermaßen ein früher Popstar wurde. 

Er wollte gegen den Willen des Vaters Künstler werden – und er wurde es

Michelangelo, genauer: Michelangelo di Lodovico Buonarotti Simoni, geboren am 6. März 1475 in Caprese nahe Florenz in der Toskana, gestorben am 18. Februar 1654 in Rom, war einer von fünf Söhnen einer angesehenen Bürgerfamilie seiner Heimatstadt, deren Vater sogar einmal Stadtvogt, also so etwas wie ein Bürgermeister war. Der Vater wollte ursprünglich, dass Michelangelo „etwas Vernünftiges“ lernen sollte. Der allerdings wollte schon als Kind unbedingt Künstler werden. Irgendwann kam es zu einem heftigen Streit mit dem Vater – Michelangelo blieb Sieger. Mit 13 Jahren war er Schüler in der Werkstatt von Domenico Ghirlandaio. Weniger die Arbeit dort als vielmehr Besuche der Sammlungen im Mediceischen Garten von San Marco erwiesen sich allerdings als besonders prägend für seine Entwicklung. Hier sah er sich den wichtigsten Statuen der griechischen und römischen Antike gegenüber. Hier entbrannte seine Liebe zur Bildhauerei, während er sich ursprünglich „nur“ mit der Malerei beschäftigen sollte.

Statue von Michelangelo

15 Jahre alt war er, als er in die Obhut von Lorenzo il Magnifico (der Prächtige) kam. Niemals hätte in einer anderen Umgebung, in einer anderen Zeit, aus ihm werden können, was tatsächlich aus ihm wurde. Als Michelangelo am 18. Februar 1564 in Rom starb, war er eines der bedeutendsten Universalgenies aller Zeiten, bewundert nicht nur als Maler und Bildhauer, sondern genauso als Dichter und Architekt. Zusammen mit Kollegen wie Tizian oder Leonardo da Vinci, mit dem er häufig konkurrierte, gilt er als einer derer, die die griechische Antike beherrschten und sogar übertrafen. Dabei waren es gerade die Werke der Antike, nicht nur in Griechenland, die Michelangelo ursprünglich angetrieben hatten.

“Ist er zu meiner Rechten, so wanke ich nicht”

Eine Figur wie die des David, die der Florentiner am 9. September 1501 begann und im Mai 1504 beendete, entsteht nicht einfach so, aus einer Laune heraus. Die biblische Gestalt des hebräischen Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, der sich einem riesigen Philister zum Kampf stellt, war über Jahrhunderte immer wieder von Künstlern aufgegriffen worden. Fast alle hatten David nach dem Kampf mit dem getöteten Riesen, meist mit abgehauenem Kopf, gezeigt. David war von jeher eine Metapher, ein Bild für die Überzeugung, dass auch ein scheinbar Ohnmächtiger einen übermächtigen Angreifer niederringen kann. Michelangelo ging die ihm gestellte Aufgabe völlig anders an. Nicht Kampf, nicht Gewalt oder Sieg interessierten ihn. Was er zeigen wollte, war der Mensch, der sich ruhig, nachdenklich sogar, einer drohenden Gefahr gegenüber sieht und sich innerlich, geistig, darauf vorbereitet.

Scheinbar im Kampf, aber ganz ruhig und überlegt: so zeigte Michelangelo seinen David

Der Künstler erarbeitete für die Figur ein ausgeklügeltes Programm, auf das der Betrachter kaum von selbst kommen würde. David steht fest wie auf einer Säule auf dem rechten Bein. Standbein, Spielbein – das ist hinreichend bekannt, und jeder kann das an sich selbst beobachten. Warum aber steht er auf dem rechten und nicht auf dem linken Bein? Im Allgemeinen wechselt ein stehender Mensch regelmäßig die Position. Michelangelo bezieht sich auf den angeblich von David gedichteten Psalm 15, Vers 8, in dem er singt: „Ist er zu meiner Rechten, so wanke ich nicht.“ Die Figur soll deutlich die feste Gewissheit des jungen David zum Ausdruck bringen, dass er Gott auf seiner Seite weiß.

Im Spannungsfeld zwischen weltlicher und kirchlicher Macht

In diesem Zusammenhang ist Michelangelos Haltung zu Religion, Religiosität und Kirche erwähnenswert. Bekannt ist, dass er Girolamo Savonarolas Wirken in Florenz miterlebte und von ihm mehr als nur angetan war, wenngleich er sich nie zu einem der beinharten Anhänger des dominikanischen Kirchenkritikers entwickelte. Savonarola kämpfte von der Kanzel herab gegen den Lebenswandel von Klerikern und Adeligen gleichermaßen und war sogar vier Jahre lang bis zu seiner Hinrichtung 1498 faktisch Herrscher von Florenz. Es ist sicher nicht falsch, in dem Prediger einen Vorläufer von Martin Luther zu sehen. Michelangelos Bewunderung für ihn und seine offenkundige Bibelfestigkeit sind deshalb bemerkenswert, weil er sich im Alltag in genau der Umgebung umtrieb, arbeitete, sein Geld mit deren Aufträgen verdiente, die der streitbare Dominikaner unnachgiebig bekämpfte. 

Eine 2500 Jahre alte biblische Gestalt wird zu einer „öffentlichen Angelegenheit“

Michelangelo muss zeitlebens mit einer gewissen Zerrissenheit gelebt haben, während er so von zwei Gegensätzen angezogen wurde. Der historische David lebte um 1000 v. Chr. Als Michelangelo 1501 mit seinem Abbild begann, war die ‘Sache Savonarola’ allerdings abgeschlossen. Es scheint nicht überliefert zu sein, was der Künstler in dieser Zeit persönlich empfunden haben mag. Umso erstaunlicher ist, dass er sich, als er den Auftrag übernahm, weltlich und politisch zu seiner Heimat Florenz bekannte und dem David bewusst auch ein politisches Programm mitgab. Es hat einen auch hier nicht ohne weiteres erkennbaren Grund, weshalb er den Jungen nicht kämpfend oder als Sieger darstellte, sondern als einen, der abwartet und dabei zu erkennen gibt, dass er sich gegebenenfalls mit aller Macht wehren, aber nicht als Erster angreifen wird. Hintergrund ist die politische Situation jener Jahre. Zwischen Guelfen und Ghibellinen, zwischen Florenz und Mailand also, herrschten, mit einer gewissen Untertreibung formuliert, Auseinandersetzungen, die beinahe jeden Tag in einen Krieg ausufern konnten. Die Florentiner wollten dies vermeiden. Valerio Guazzoni, „Michelangelo der Bildhauer“, schreibt dazu 1984 auf Seite 39 f.: „Die Figur des David wurde so zu einer stadtbürgerlichen statt einer kirchlichen Figur“, einer der ersten ihrer Art weltweit. Der David war laut den bis heute erhalten gebliebenen Protokollen der Stadtversammlung, der Signoria, zu einer, wie Giuliano da Sangello einmal schrieb, „öffentlichen Angelegenheit“ geworden. Florenz trat damals als Verteidiger der Republik auf. Guazzoni über den David: „Die Botschaft wurde unmittelbar in ihrer ganzen Aktualität erkannt.“

Die Entstehung eines gigantischen Monuments

Michelangelo war, wenn nicht Pedant, dann zumindest Perfektionist. Einmal hatte er einen Faun skulptiert, den ein Betrachter als „zu perfekt“ bezeichnete. Michelangelo nahm die Kritik auf – und zog dem Faun einen seiner steinernen Zähne, um die Figur lebensechter aussehen zu lassen. Als er den Auftrag für den David annahm, steigerte er seine Perfektion ins schier Unermessliche. Als Material bekam er von seinem Auftraggeber, der florentinischen Dombauhütte, einen gigantischen Marmorblock zur Verfügung gestellt, an dem sich vor ihm bereits mehrere seiner Kollegen abgemüht hatten, so erfolglos, dass man ihnen den Auftrag jeweils wieder entzog. Zurück blieb ein ziemlich mitgenommenes und heruntergekommenes Ungethüm, mit dem eigentlich niemand mehr etwas anfangen wollte. Michelangelo war in Bezug auf sein Arbeitsmaterial mehr als nur penibel. Jeden Stein, den er behauen sollte, begleitete er vom Steinbruch, wo er zumeist sogar die Arbeiten persönlich beaufsichtigte, bis zur letzten Politur in seiner Werkstatt. Anders als andere Künstler seiner Zeit musste bei ihm jeder einzelne Handgriff von ihm selbst stammen.

Am 8. September 1504 präsentierte Michelangelo sein Meisterwerk David

Den „Giganten“, den Riesen, wie ihn die Florentiner von Anfang an nannten, nahm er als Herausforderung an. Neun Tonnen soll er schwer gewesen sein, als er ihn in Empfang nahm und zuerst einmal nur „einen gewissen Knoten“ entfernte, der ihn störte. Einen Steinblock, den er nicht vom Fels ab für gut befunden hätte, hätte er normalerweise nie als Material für eine seiner Figuren akzeptiert. Bei diesem machte er eine Ausnahme. Laut Guazzoni war Michelangelo von frühester Jugend an ein außerordentliches Selbstbewusstsein und Bewusstsein seines Könnens zu eigen und damit einhergehend der Mut, eine Aufgabe anzugehen und zu lösen, „zu der anderen die Courage fehlte. “Als die Plastik nach rund drei Jahren fertig war, wog sie noch über fünf (manche Quellen sagen sechs) Tonnen. Auf jeden Fall war sie zu schwer, um sie dort aufstellen zu können, wo sie eigentlich aufgestellt werden sollte: auf einem der Strebepfeiler der Kirche S. Maria del Fiore, dem heutigen Dom von Florenz. Dort sollte sie als eine von vielen Figuren das Kirchendach schmücken. Niemand hätte jedoch die Skulptur dort hinaufhieven können.

Der David ist heute in der ganzen Stadt Florenz präsent

Seine Auftraggeber nahmen es ihm nicht übel. Sie erkannten den Wert des Werkes spontan, und bald war beschlossen, die Figur nicht auf, am oder im Dom zu platzieren, sondern auf der Piazza della Signoria, also dem Rathausplatz. Das öffentliche Echo soll fulminant gewesen sein, vielleicht nicht zuletzt, weil sich Michelangelo während der ganzen Zeit, in der er an dem David arbeitete, hinter eigens aufgestellten Umzäunungen komplett von eben dieser Öffentlichkeit abgeschottet hatte. Niemand sollte die Arbeit an dem und die Mühen um das Werk sehen, sondern nur zuletzt das perfekte Ergebnis. Der Kollege und Künstler-Biograph Giorgio Vasari schrieb damals: „Er wollte nur vollkommen erscheinen.“

Bronzekopie des David am Piazzale Michelangelo in Florenz

Auf der Piazza della Signoria blieb das Monument einige hundert Jahre. Schon als es aufgestellt wurde, wurde das Gerüst allerdings von jungen Leuten mit Steinen beworfen. Später wurden die Guelfen kurzzeitig aus Florenz vertrieben. Als sie unter heftigen Kämpfen ihre Rückkehr in die Stadt erzwangen, flog eine Bank aus dem Palazzo Vecchio und zertrümmerte den linken Arm der Figur. Der junge Vasari war es, der die Bruchstücke aufsammelte und so eine originalgetreue Restaurierung ermöglichte.

In Florenz kann Michelangelos David an mehreren Orten bewundert werden:

  • 1873 kommt die Figur wegen Witterungsschäden und Beeinträchtigungen durch Vogelexkremente in die Galleria dell’Accademia di Firenze, in einen eigens für sie erbauten Kuppelsaal, wo sie bis heute zu bewundern ist, und wo eigens spezielle Führungen für sie veranstaltet werden.
  • Auf der Piazza della Signoria steht seit 1910 eine Kopie des David.
  • Eine weitere Kopie befindet sich auf der Piazzale Michelangelo.
  • Weniger beachtet, weil von unten kaum im Detail zu erkennen, steht auf dem ursprünglich geplanten Aufstellungsort auf einem der Stebepfeiler des Domes eine Nachbildung aus Glasfaser.