Die Geschichte des europäischen Porzellans ist eng mit den kulturellen Entwicklungen der vergangenen Jahrhunderte verbunden. Seine (mehrmalige) „Erfindung“, seine Formenvielfalt, der Gebrauch durch Adel und Großbürgertum bis hin zur Verbreitung als Massenware und die nachfolgende Konsolidierung der europäischen Produzenten und eine notwendige Konzentration auf hochwertige Produkte als Gegenmodell zu importierter Massenware — Porzellan ist faszinierend und schön, praktisch und alltäglich und ein selbstverständlicher Bestandteil der heutigen Zeit.

Meißen: Das erste Porzellan in Europa

Seit Marco Polo von seiner Weltreise das edle Material an die europäischen Königs- und Fürstenhöfe brachte, das sich deutlich vom bislang verwendeten irdenen, aber auch aus Holz oder Metall gefertigten Geschirr unterschied, überstieg die Lust auf das edle Porzellan das Angebot um ein Vielfaches. Die Chinesen hielten verständlicherweise die Methode der Porzellanherstellung streng geheim, woraufhin in ganz Europa Forscher von besonders betuchten und zumeist adligen Auftraggebern zur Erforschung der Geheimnisse des Materials beauftragt wurden. Zugleich machte man sich daran, die Erzeugung nachzuvollziehen oder mit Hilfe alternativer Ausgangsmaterialien und Methoden ein ähnliches und möglichst gleichwertiges Produkt zu erzeugen.
Dem tatsächlichen Porzellan am nächsten kam das überwiegend in England und Frankreich erzeugte Weichporzellan, das bei niedrigeren Temperaturen gebrannt wird und deutlich empfindlicher als Hartporzellan ist. Zudem neigte es dazu, während des Herstellungs- und Brennprozesses in sich zusammenzufallen, was seine Herstellung außerordentlich aufwendig und fehleranfällig gestaltete.

Die für die Porzellanerzeugung notwendigen Bestandteile Kaolin, Feldspat und Quarz waren bereits früh bekannt, so dass besonders wohlhabende Höfe Forscher mit diesen Materialien experimentieren ließen, um von den seltenen, unzuverlässigen und teuren Importen aus Fernost unabhängig zu werden. Am sächsischen Königshof hatte August der Starke den Chemiker Ehrenfried Walter von Tschirnhaus mit der Porzellanerzeugung beauftragt; unterstützt wurde dieser durch den auf der Dresdner Festung der Jungfernbastei festgesetzten Pharmazeuten und Alchemisten Johann Heinrich Böttger, der ursprünglich behauptet hatte, Gold erzeugen zu können. Zu Beginn des Jahres 1705 gelang ihnen die Herstellung des ersten Porzellans auf dem europäischen Kontinent. Der kurz darauf folgende Tod von Tschirnhaus‘ führte dazu, dass der Prozess für lange Zeit ausschließlich Böttger zugeschrieben und der entscheidende Beitrag von Tschirnhaus‘ übergangen wurde. Bereits wenige Jahre später war das Verfahren derart vorangetrieben worden, dass eine kontinuierliche Porzellanproduktion aufgenommen werden konnte. Die Porzellanmanufaktur Meißen wurde 1710 auf der Meißener Albrechtsburg gegründet. Deren Symbol der gekreuzten Schwerter — obgleich mehrfach abgewandelt und sich dem modernisierenden Geschmack angepasst — wird bis heute verwendet und gilt damit als das älteste noch genutzte Markenzeichen der Welt.

Während Böttgers Zeit in Meißen gelang es nach und nach, die Qualität des Porzellans zu verbessern, so dass sowohl die Verluste beim Brennen deutlich zurückgingen als auch das Resultat überzeugender wurde. Wenige Jahre vor Böttgers Tod war die Rezeptur so weit vorangeschritten, dass das einst gelbe Material nach dem Brennen nunmehr klar und weiß war und die noch heute geschätzte Lichtdurchlässigkeit aufwies. In der Formgebung unterschied sich dieses Meißner Porzellan noch nicht von den aus Ton und Steinzeug gefertigten Stücken — wobei spekuliert werden kann, ob dies daran lag, dass zunächst eine größere Sicherheit im Umgang mit der Porzellanrohmasse erreicht werden musste oder ob sich den Mitarbeitern der Manufaktur die Möglichkeiten des Porzellans noch nicht gänzlich erschlossen hat. Neben Verzierungen durch Reliefs wie beim Steinzeug wurden jedoch von Beginn an die glatten Gefäße — zumeist für Kaffee, Schokolade und Tee — farbig verziert, wobei man sich an den chinesischen Vorbildern und an dem barocken Geschirr des sächsischen Hofes orientierte. Ohnehin ging es in dieser Zeit eher um Gebrauchsporzellan; Figurinen wie in späterer Zeit wurden damals nur selten und mit wenig Erfolg gefertigt.

Der Erfolg des Meißner Porzellans ist zu einem großen Teil zwei nach Böttgers Tod nach Sachsen gerufenen Personen zu verdanken, dem Maler Herold und dem Bildhauer Kändler, deren Wirken die Herausbildung des typischen Meißner Stils ermöglichte, die in den noch heute unerreichten so genannten Liebesgruppen, die zwischen 1740 und 1745 entstanden, künstlerisch kulminierten. Die Figurinen waren überwiegend zum Schmuck festlicher Tafeln gedacht. Auch die Farbskala löste sich in dieser Zeit von den Beschränkungen der Anfangsjahre sowie den asiatischen Vorbildern und erreichte eine Vielfalt und Brillanz, die bis heute überrascht und den Geschmack nachhaltig prägen sollte. Dem Zeitgeschmack und den intensiven Kontakten nach Ostasien entsprechend, bildeten auch die Chinoiserien einen Schwerpunkt der Porzellanherstellung. Chinesische Motive, oftmals in Goldmalerei, verzierten zahlreiche Porzellanprodukte aus Sachsen. Mit der Zeit wurden diese durch europäische Motive ergänzt. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Meißner Erfolge durch künstlerisch innovativere Produkte aus der bereits 1718 gegründeten Manufaktur in Wien und Sèvres abgelöst. Bei der Geschirrherstellung tat sich wenig; asiatische Motive wurden nun fast völlig von europäischen abgelöst. Die weiterhin sehr erfolgreichen Figurinen folgten nun der herrschenden Mode des Rokoko.

Meissener Porzellanteller mit Zwiebelmuster

Wien und Berlin

Die Wiener Manufaktur entwickelte nach auch finanziell begründeten Anfangsschwierigkeiten im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert einen eigenen Stil, der sich zunehmend von Meißner Einflüssen lösen konnte und dafür Anregungen aus Sèvres und durch Wedgwood aufnahm und mit dem nun modernen antikisierenden Stil erfolgreich wurde, an dem Meißen gescheitert war. Die Geldprobleme der Manufaktur waren jedoch derart grundlegend, dass sie 1864 geschlossen wurde. Trotzdem trug gerade Wien zur Verbreitung von Porzellan als Alltagsprodukt nicht unwesentlich bei, da übergroße Lagerbestände der Manufaktur per Lotterie abgestoßen wurden, so dass auch diejenigen, für die normalerweise Porzellan unerschwinglicher Luxus gewesen wäre, in den Besitz von hochwertigen Produkten kommen konnten.

Seit 1751 gab es auch in Berlin Bemühungen, selbst Porzellan herzustellen. Schließlich veranlasste Friedrich der Große, dass 1763 der Hof die finanziell angeschlagene Manufaktur übernahm, was als Gründungsdatum der Königlichen Porzellanmanufaktur gilt, die noch heute hochwertiges Porzellan des Luxussegments produziert.

Nach einem Beginn im Rokoko erreichte das KPM-Porzellan im Klassizismus höchste Qualität, was sich auch darin zeigt, dass selbst renommierte Architekten wie Schinkel, Rauch und Schadow Entwürfe lieferten. Eine hauseigene keramische Forschung lieferte technologische Erkenntnisse, die wiederum positiv auf die Qualität der Produkte zurückwirkten und der Manufaktur auch in Zeiten wachsender internationaler Konkurrenz ein Überleben sicherten. Weitere wichtige deutsche Standorte der Porzellankunst waren Frankenthal, Fürstenberg, Höchst, Ludwigsburg und Nymphenburg sowie mehrere thüringische Hersteller. Die Königliche Porzellan-Manufaktur ist stolz darauf, weiterhin am Originalstandort zu produzieren und sich somit der Massenfertigung und dem Massenmarkt verschlossen und konsequent auf höchste Qualität gesetzt zu haben, die bis heute auch bei Porzellan fast nur im Luxussegment zu finden ist.

Sèvres

Aus einer 1740 im französischen Vincenne gegründeten Firma, die das dekorative, jedoch für praktische Zwecke nicht verwendbare Frittenporzellan herstellte, ging nach technologischen Verbesserungen und einer Verlagerung der Produktion die bedeutende Porzellanmanufaktur von Sèvres hervor. Erst seit 1768 stand Sèvres Kaolin zur Verfügung, so dass Hartporzellan erzeugt werden konnte. Zuvor hatten die Einschränkungen des weichen Frittenporzellans zu besonders aufwändigen Bemalungen geführt; auch farbige Grundierungen wurden verwendet. Die besondere Brenntechnik führte zu Farben mit extrem hoher Strahlkraft — ein Markenzeichen, dass die Manufaktur dann auch beim höherwertigen echten Porzellan weiterführte. Figürlich wurde überwiegend mit Bisquitporzellan gearbeitet, Versuche von Bemalungen und Lasuren blieben unbefriedigend und wurden bald aufgegeben. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts stellte Sèvres fast nur noch Gebrauchsporzellan her; seine künstlerische Vorreiterrolle hatte die Manufaktur bereits Ende des 18. Jahrhunderts verloren.

In England kam es nie zu einer künstlerisch bedeutenden eigenständigen Porzellanproduktion. Gearbeitet wurde ebenfalls mit einer Version des Frittenporzellans, dem hier ein bedeutender Anteil Knochenmehl beigefügt wurde, wodurch es haltbarer wurde. Noch heute ist Bone China die gängige Bezeichnung für englisches Porzellan. Ton und Steinzeug (beispielsweise von Wedgwood) dominierten lange auch stilistisch den Markt.

Elefantenvasen der Manufacture royale de porcelaine de Sèvres

Royal Copenhagen

Ein Beispiel für die Verbreitung der Porzellanproduktion über ganz Europa ist Dänemark. 1775 erhielt das Land seine erste Porzellanmanufaktur, aus der später die Firma Royal Copenhagen (die heute zur finnischen Fiskars-Gruppe zählt) hervorgehen sollte. Das Logo mit den drei stilisierten Wellen, die für die drei Wasserstraßen Dänemarks stehen, entstammt einem Vorschlag der Witwe Königs Christians VII., Juliane Marie. Stark von deutschen Traditionen beeinflusst, wurde das ursprünglich für die russische Kaiserin Katharina II. vorgesehene Service Flora Danica zum ersten Glanzstück der Manufaktur.

Volkstümlicher war die ebenfalls noch heute produzierte Blaumalerei, ein Zwiebelmuster auf strukturiertem Porzellan. Royal Copenhagen steht mit seiner Entwicklung auch in neuerer Zeit stellvertretend für die Entwicklungen der Porzellanindustrie. Nach Zusammenschlüssen mit Konkurrenzunternehmen, namhaften Glasproduzenten und Metallverarbeitern und einer Herausbildung einer heute als typisch skandinavisch geltenden, reduzierten Formensprache im Design, wurde die Firma 2001 von einem Investitionsfonds aufgekauft, der wiederum 2012 an Fiskars weiter verkaufte. Heute ist die industrielle Produktion weitestgehend nach Asien ausgelagert, nur einzelne, künstlerisch besonders anspruchsvolle Schritte im Hochpreissegment werden noch in Dänemark vorgenommen.

Zusammenfassung

Porzellan war bereits vor seiner europäischen Neuerfindung ein außerordentlich gefragtes Material. Nach der Einrichtung der Meißener Manufaktur wurde Porzellan ein Anzeiger für Machtverhältnisse und gesellschaftliche Entwicklungen in Europa. Seine Eigenschaften machten es zum Spiegel und zur Unterlage für Moden wie für ästhetische Verirrungen, zum Lieblingsobjekt von Herrscherhäusern und zur fixen Idee von Wissenschaftlern und Künstlern. Als industrielles Massenprodukt konnte es weder von Kunststoffen noch alternativen Materialien wie Glas oder Steingut verdrängt werden, als Material für Luxusgüter ist Porzellan auch heute unerlässlich.

Bildquellen:
Title Photo https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meissen_Porcelain_Manufactory_-_Terrine_and_Platter_-_Walters_48921_(2).jpg
Zwiebelmuster: Von Kaolin – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12078763
Vasen von Sèvres:https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ed/Sèvres_Porcelain_Manufactory_-_Pair_of_Vases_-_Walters_481796%2C_481797_-_Front_Group.jpg